Montag, 16. April 2018

Unerhörte Musik | Newsletter | 2018 | Nr. 8

NEWSLETTER 2018 | Nr. 8
17. und 24. April

„The eye should learn to listen before it looks
(Robert Frank)
...
"Days are coloured bubbles that float upon the surface of fathomless night."
Dieses Zitat von Rabindranath Tagore ist titelgebend für das Recital der aus Australien stammenden, seit 2015 in Berlin lebenden Bratschistin Alexina Hawkins am kommenden Dienstag, 17. April:
Coloured bubbles/fathomless Night
"Dieses eindringliche, sinnliche Programm vereint Musik, die von Tagores Worten inspiriert ist; eine Gegenüberstellung von hellen, unmittelbaren Klangfarben mit grenzenlosen Klangwelten."
Auf dem Programm stehen Kompositionen von Nicoleta ChatzopoulouBrett Dean, Samir Odeh-Tamimi, Caroline Shaw  und Peter de Jager sowie zwei Streichtrios von Marcos Balter und Lisa Illean (mit Elena Rindler, Violine und Edward King, Violoncello als Gästen)


Am darauf folgenden Dienstag, 24. April konzertiert das Duo Stock / Wettin mit Susanne Stock, Akkordeon und Georg Wettin, Kontrabassklarinette:
Into the Depth
Das Programm bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Klanglichkeit in der Tiefe des Instrumentariums und dem Umgang der Komponisten mit diesem Material. Neben Solostücken von Benjamin Schweitzer, Ernst Helmuth Flammer, Gerard Grisey und Helmut Oehring loten für das Duo neu komponierte Werke von Tobias E. SchickArt-Oliver Simon, Helmut Oehring und Michael Quell das klangliche Spektrum der Instrumente aus, forschen nach Unterschiedlichkeiten und Verschmelzung.
Einführung: 19:45 Uhr
 Inhalt
 Dienstag, 17. April | Coloured bubbles/fathomless Night
 Dienstag, 24. April | Into the Depth
Dienstag, 17. April 2018 | 20:30 Uhr | Alexina Hawkins

Alexina Hawkins, Viola
als Gäste:
Elena Rindler, Violine
Edward King, Violoncello


Coloured bubbles/fathomless Night
Nicoleta Chatzopoulou
Continuum II (2015)
für Viola

In diesem Stück ist eine Solo - Bratsche im Zwiegespräch mit sich selbst. Es besteht aus verschiedenen subtilen Elementen, wie Farben, Gesten und kontrapunktischen Stellen, welche als die verschiedenen Positionen dieses Gesprächs gesehen werden können. Die Elemente werden auf intime und introvertierte Art wiederholt und weiterentwickelt und intendieren den Performer und das Publikum in ein Continuum aus Klang zu hüllen, die jede Stille als Teil davon betrachtet.(N.C.)
Nicoleta Chatzopoulou (*1976) begann ihre Musikstudien bereits in jungem Alter mit klassischer Gitarre. Ihre Neigung für als Sängerin und Multi-Instrumentalistin in der Band This Fluid tätig und außerdem Mitglied des weiblichen Vokalensembles Molpi. 2003 ging sie nach Holland, um ihre Studien in Komposition bei Martijn Padding, Gilius van Bergeijk und Richard Ayres am Königlichen Konservatorium in Den Haag fortzusetzen. Dort studierte sie auch Viola da Gamba. Sie ist außerdem Gründungsmitlgied des Alte Musik Ensembles Mateus consort. Ihre Kompositionen sind Werke für verschiedene Kombinationen von Instrumenten, Kammerensembles und die menschliche Stimme. 2005 arbeitete sie mit dem Nederlands vocaal laboratorium und Regisseur Olivier Provily zusammen an dem Musiktheaterwerk The Scream als Teil der Korzo Theaterproduktion Vuurtongen. 2007 entstand das Musiktheaterwerk Clara S., das auf einem Stück von Elfriede Jelinek basiert, in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Lotte de Beer und der Korzo Theaterproduktion Mixed.
Marcos Balter
Vision Mantra (2009)
für Streichtrio
Inspiriert von dem Ort seiner Premiere, dem Chicago Cultural Center, entstand Vision Mantra im Jahr 2009 und wurde im selben Jahr von dem New Millennium Orchestra uraufgeführt. Da dieser Ort eine der akustisch lebhaftesten Konzerthallen der Stadt ist, beschloss ich Musik zu schreiben, die sich den natürlichen Hall und die akustische Verstärkung der Harmonien zu Nutzen macht.Die Mosaik-Decke in der Kuppel der Halle inspirierte meinen Fokus auf Muster in dieser Arbeit. Wenn das Mosaik das Zentrum der Kuppel erreicht, verflechten sich alle Muster um ein vereintes, visuelles Objekt zu bilden, welches die zentrale Inspiration für das Werk bildet.(M.B.)
Marcos Balter (geb. 1974, Rio de Janeiro, Brasilien) graduierte mit Auszeichnungen an der Northwestern University, wo er hauptsächlich bei Augusta Read Thomas, Amy Williams und Jay Alan Yim studierte. Weitere künstlerische Impulse bekam er von Gastprofessoren und in Meisterkursen von Louis Andriessen, George Benjamin, Pierre Boulez, Elliott Carter, Oliver Knussen, Christian Lauba, Tristan Murail, Enno Poppe, Bernard Rands, Wolfgang Rihm und Kaija Saariaho. Lehrauträge führten ihn an die University of Pittsburgh, Northwestern University, Lawrence University, und das Columbia College Chicago. Derzeit unterrichtet er als Associate Professor of Music Composition an der Montclair State University. Seine Werke sind bei Schott NY verlegt und kommerzielle Aufnahmen seiner Musik sind bei New Amsterdam Records, New Focus Recording, Parlour Tapes+ und Navona Records erhältlich.

Brett Dean
Intimate Decisions (1996)
für Viola
Wie der Titel schon andeutet, ist die Musik eher privater Natur, und in der Tat ähnelte das Schreiben eines Stückes für ein Solo-Streichinstrument auf eigenartige Weise dem Schreiben eines persönlichen Briefes oder einem intensiven Gespräch mit einem engen Freund. Das Stück beginnt mit einer kurzen Folge einzelner Motive: eine kleine Terz, eine große Septime und eine reine Quarte - alle von eher ungreifbarem Charakter -, dann ein etwas nachdrücklicheres Motiv aus einer kleinen Sexte und einer kleinen None, dem später eine Kette oszillierender Harmonien folgt, die über die tiefen Saiten schwirren. Langsam beginnen diese separaten Elemente aufeinander zu reagieren; die Stimmung wandelt sich, verliert den anfänglichen Charakter der Ferne, wird freier, rhapsodischer und entschiedener, bevor sie sich weiter durch Momente von plötzlicher Dramatik, von Ärger, flatterhafter Virtuosität oder sogar Ruhe und Zartheit bewegt. Nachdem die Bratsche den Verflechtungen dieser "Konversation" nachgegangen und in ein beklommenes Schweigen versunken ist, gewinnt das nachfolgende Flüstern langsam an Bewegung und führt zu einem leidenschaftlichen Höhepunkt. Von dieser Steigerung bleibt nurmehr ein leises, unentschlossenes Echo dessen übrig, was in Gestalt der Harmonien im Eröffnungsabschnitt "besprochen" wurde. Der Titel Intimate Decisions stammt von einem Gemälde meiner Frau, der australischen Malerin Heather Betts. Am 21. Juni 1997 habe ich das Stück beim Internationalen Kammermusik-Festival im englischen Leicester uraufgeführt. Die australische Premiere erfolgte eine Woche später in der South Melbourne Town Hall bei einem Konzertabend der National Academy of Music.(B.D.)
Brett Dean ging nach Studien in Australien nach Deutschland und wurde 1985 Bratscher im Berliner Philharmonischen Orchester. Er trat neben seiner Orchestertätigkeit auch als Solist auf und bestritt dabei zahlreiche Ur- und Erstaufführungen. Dean begann 1988 zu komponieren, war anfangs überwiegend Arrangeur. Er sammelte Erfahrung im Improvisieren bei Radio- und Filmprojekten in Australien und etablierte sich als Komponist von Rang durch weltweite Aufführungen seines Balletts One of a Kind (Nederlands Dans Theater, Choreographie: Jiri Kylian) sowie mit dem Klarinettenkonzert Ariel’s Music, das vom UNESCO International Rostrum of Composers ausgezeichnet wurde. Viele seiner Kompositionen sind durch die Malerei seiner Frau Heather Betts angeregt. Brett Dean lebt seit 2000 als freischaffender Komponist zwischen Melbourne und Berlin. Zu den führenden Interpreten seiner Musik zählen u.a. Sir Simon Rattle, Markus Stenz, Simone Young, Frank Peter Zimmermann und Daniel Harding. Einer seiner ersten Auftritte als Komponist war 1992 in einem Unerhörte-Musik-Konzert.
Caroline Shaw
In Manus Tuas (2009)
für Viola
„In Manus Tuas” basiert auf einer Motette aus dem 16. Jahrhundert von Thomas Tallis. Obwohl nur ein paar Stellen im Stück die exakten Harmoniewechsel aus dem Satz von Tallis reflektieren, möchte die harmonische Bewegung (oder mehr die Abwesenheit von Bewegung) das Gefühl eines einzigen Moments, nämlich dem die Motette in dem spezifischen und außergewöhnlichen Ort der Christ Church in New Haven, Connecticut zu hören, einfangen. In manus tuas wurde 2009 für die Cellistin Hannah Collins geschrieben, aufzuführen in einer komplett dunklen Kirche, die nur im Mittelgang von Kerzen beleuchtet ist.(C.S.)
Caroline Adelaide Shaw ist Musikerin, lebt in New York und tritt in verschiedenen Gestalten auf. Seit ihrer frühen Kindheit in North Carolina wurde sie zuerst als Geigerin ausgebildet, hat 2013 einen Grammy als Sängerin von Room full of teeth und war die jüngste Gewinnerin des Pulitzer Preises für Musik für ihre Komposition Partita für acht Stimmen (auch Grammy-nominiert für Beste Klassische Komposition). Caroline schrieb Kommissionen für das Carmel Bach Festival, die Cincinnati Symphony, das Guggenheim Museum (FLUX Quartet), The Crossing, Baltimore Symphony und den Brooklyn Youth Chorus.

Samir Odeh-Tamimi
SOLO (2016)
für Viola
Samir Odeh-Tamimi spielte von 1984 bis 1989 als Keyboarder und Schlagzeuger in verschiedenen namhaften Ensembles für traditionelle arabische Musik. Von 1992 bis 1996 absolvierte er das Studium der Musikwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Es folgte ein Studium bei Younghi Pagh-Paan (Komposition) und Günter Steinke (Werkanalyse) an der Hochschule für Künste Bremen. Er bekam Einladungen zum Festival der pgnm bremen 2002 (zwei Uraufführungen) sowie 2004 nach Israel für ein Konzert des Israelischen Kammerorchesters unter der Leitung von Noam Sheriff. Samir Odeh-Tamimi erhielt Kompositionsaufträge von den Salzburger Festspielen, der Ruhrtriennale, dem Konzerthaus Berlin, den Donaueschinger Musiktagen, dem Westdeutschen Rundfunk Köln und den Festivals Musica Viva (München), Ultraschall Berlin, Zeitkunst und Klangspuren. Zu den Interpreten seiner Musik gehören das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Ensemble Modern, Ensemble MusikFabrik, Ensemble Resonanz, das ensemble mosaik sowie die Dirigenten Péter
Eötvös, Vinko Globokar, Johannes Kalitzke und Alexander Liebreich. Samir Odeh-Tamimi wurde 2016 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, wo er auch einen Deutschen Musikautorenpreis der GEMA erhielt.
Lisa Illean
Lightsense (2015)
für Streichtrio und Elektroniker
In „Lightsense” habe ich versucht, meinen eigenen Weg zu finden das Gefühl verursacht durch eine untergehende Nachmittagssonne in Klang einzufangen. Das Tonband unterstützt die Stimmung des akustischen Ensembles und verschiebt sie gleichzeitig. Schrittweise kreieren die Unterschiede in Timbre und Stimmung ein Schimmern und stetigen Austausch zwischen der Wahrnehmung dessen was Vordergrund und Hintergrund ist. (L.I.)
Lisa Illean ist eine australische Komponistin und lebt in London. Sie komponiert akustische und akusmatische Musik die als “exquisitely quiet shadows shaded with microtunings” (The Sydney Morning Herald) und “a compelling exercise in stillness and quietude” (The Australian) beschrieben wurde. Ihre Arbeiten für Ensemble wurden international in Spielstädten, wie der Royal Festival Hall, Carriageworks oder dem Cafe Oto aufgeführt. Sie arbeitete mit der BBC, Sydney and Melbourne symphony orchestras, London Philharmonic Orchestra, Mitgliedern des Philharmonia Orchestra, Scordatura Ensemble und dem Ensemble Offspring: Sie kreierte ortsspezifische Klangkunstwerke für das Arts Centre, Melbourne und das Museum of Anthropology, Vancouver. Lisa dissertiert derzeit am Royal College of Music als Soiree d’Or scholar.

Peter de Jager
Stars (aus: Metaphors) (2012)
für Viola
Ich nannte diese Stücke ‚Metaphors‘, weil Musik symbolisch für ein Bild oder ein Gefühl stehen kann, ohne den Anspruch der Nachahmung zu haben. „Stars“ erklärt sich von selbst, extrem hohe Harmonien als leuchtende Punkte aus Licht.(P.d.J.)Peter de Jager ist ein vielgefragter Pianist, Cembalist und Komponist aus Melbourne. Er ist als Performer in vielen verschiedenen Genres tätig, wie Musik-Theater. Er studierte Klavier an der Australian National Academy of Music und arbeitet dort derzeit als Korrepetitor. Seine Kompositionen bekommen mehr und mehr Aufmerksamkeit und er hat gerade eine Stück für Doppel-Ensemble für das Melbourne Chamber Orchestra fertig gestellt. Er nahm in den Jahren 2009, 2010 und 2013 an der Festival Akademie Luzern teil, in 2013 um den Klavier- Part in Messiaen’s Turangalila Symphonie mit dem Akademie Orchester und David Robertson zu spielen.


Die Bratschistin Alexina Hawkins stammt aus Australien, wo sie in Canberra und Melbourne mit Tor Fromyhr, Caroline Henbest und Chris Moore studierte (Canberra School of Music & Australian National Academy of Music). 2015 kam sie nach Berlin um bei William Coleman (Kuss Quartet) ihr Studium abzuschließen. Seit der Saison 2016/17 ist Alexina Hawkins Mitglied im Deutschen Kammerorchester Berlin. Neben ihrem Arbeit bei dem DKO ist sie freischaffend bei verschiedenen Kammerorchestern tätig wie der Kammerakademie Potsdam, Geneva Camerata, Streicherakademie Bozen u.a. und spielt bei Festivals in Deutschland, der Schweiz und Italien. Als Mitglied der Australian National Academy of Music 2015, kuratierte und produzierte sie drei einzigartige Konzerte, bei denen einige Weltpremieren für Bratsche aufgeführt wurden. Sie folgte Einladungen zu zahlreichen Festivals für Neue Musik, wie dem Bang On A Can Summerfestival in den USA und dem Bendigo International Festival of Exploratory Music in Australien. Alexina wird unterstützt von der Williamson Foundation for Music, Australia Council (Artstart), Ernest V. Llewellyn Memorial Fund und ist zudem Preisträgerin des Erika Haas Prize, Kate Buchdahl Prize, Georgina Grosvenor Scholarship und Mcleod Travelling Fund. Ihre Liebe zur Klassischen Musik wird bereichert durch Erfahrungen jenseits der traditionellen Genregrenzen, sie arbeitet gerne mit Improvisationen und Kollaborationen zwischen verschiednenen Musikstilen und künstlerischen Disziplinen.
Elena Rindler wurde 1989 in Hamburg geboren und erhielt ihren ersten Geigenunterricht im Alter von sechs Jahren. Später studierte sie in Lübeck und Tel Aviv bei Elisabeth Weber, Ning Feng, Hagai Shaham und Daniel Sepec. Im Laufe der Jahre war sie Stipendiatin der Oscar und Vera Ritter-Stiftung Hamburg und der Possehl-Stiftung Lübeck. In der Saison 2013|2014 wurde Elena Rindler durch die Ferenc-Fricsay-Akademie des DSO gefördert; darüber hinaus sammelte sie weitere Orchestererfahrungen beim Israel Philharmonic Orchestra, als Mitglied der Jungen Deutschen Philharmonie sowie als Aushilfe der Hamburger Camerata. Weitere Anregungen erhielt sie in Meisterkursen u. a. bei Thomas Brandis, Nora Chastain, Stephan Picard, Latica Honda-Rosenberg und Donald Weilerstein. Kammermusikalische Tätigkeiten führten sie zudem zu Festivals wie dem Brahms-Festival Lübeck, Young Euro Classic und dem Heidelberger Frühling.
Der in Neuseeland geborene Cellist Edward King begann im Alter von drei Jahren Cello zu spielen und etablierte sich schnell als einer der führenden jungen Musiker, die aus Australasien hervorgegangen sind. Er hat in seinem Heimatland und im Ausland viel gespielt und ist Preisträger mehrerer prestigeträchtiger Wettbewerbe - wie dem Internationalen Witold Lutosławski Cello Wettbewerb, dem Internationalen Cello Wettbewerb in Markneukirchen und dem Internationalen Penderecki Cello Wettbewerb. Edward ist ein Absolvent der Universität von Waikato, Neuseeland, wo er unter James Tennant studierte; das Leopold-Mozart-Zentrum in Augsburg (unter Julius Berger); und die Universität der Künste in Berlin (unter Wolfgang Emanuel Schmidt). Edward verbrachte das Jahr 2017 im Sydney Opera House als Associate Principal Cellist des Sydney Symphony Orchestra.

Dienstag, 24. April 2018 | 20:30 Uhr | Duo Stock-Wettin
Duo Stock / Wettin
Susanne Stock, Akkordeon
Georg Wettin, Kontrabassklarinette


Einführung um 19:45 Uhr
Into the Depth
Benjamin Schweitzer
maverick I (noise)  (2008)
für Kontrabassklarinette solo

maverick I (noise) ist das erste Stück einer auf fünf Teile angelegten Serie von Solokompositionen für Kontrabaß-Instrumente. Unter amerikanischen Rinderzüchtern wurde ein Tier ohne Brandzeichen maverick genannt; später wurde der Begriff zur Metapher für jede Art von Eigenbrötlern, Außenseitern und Ausreißern. Der Untertitel (noise) weist darauf hin, daß zahlreiche geräuschhafte Elemente – vom extrem leisen Luftrauschen bis zum verzerrten Mehrklang – die Komposition durchziehen. Keinesfalls ist das Stück jedoch monochrom geräuschhaft, vielmehr entwickelt sich aus dem ‚übersteuerten‘ Anfang nach und nach eine größere gestische Bandbreite: Elementare Texturen – Mehrklänge, Repetitionen, starre Liegetöne – werden variiert und einander dabei teilweise angenähert; gleichsam maschinell in sich kreisende, kurze Gesten treten zum Ende hin stärker in den Vordergrund. Harte Schnitte und herbe Klänge bleiben dabei bestimmend für den kompromißlosen Charakter des Stückes, der erst am Schluß etwas abgemildert wird.
Benjamin Schweitzer wurde 1973 in Marburg geboren. Nach einem Vorstudium in den Fächern Komposition, Musiktheorie und Klavier in Lübeck studierte er Komposition (bei Wilfried Krätzschmar), Musiktheorie und Dirigieren (bei Christian Kluttig) an der Hochschule für Musik Dresden und bei Paavo Heininen an der Sibelius-Akademie Helsinki. Schweitzers Werke werden regelmäßig in ganz Deutschland und im Ausland aufgeführt und gesendet. Renommierte Institutionen (u.a. Siemens Arts Program, Konzerthaus Berlin, Münchener Biennale) und Interpreten erteilten ihm Kompositionsaufträge. Neben Lehraufträgen, Vortragstätigkeit und Publikationen zu Themen der Musikästhetik und Analyse erhielt er Einladungen als Dozent zum Kammermusikkurs des Deutschen Musikrates, zur Akademie "Choreographen und Komponisten" der AdK Berlin und zu Jeunesse Moderne. Schweitzer war zudem Mitbegründer und bis 2005 künstlerischer Leiter des ensemble courage (Dresden), das im einen Förderpreis der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung (2001) und den Förderpreis der Stadt Dresden (2004) erhielt. Er bekam zahlreiche Auszeichnungen und Förderungen für seine Arbeit, darunter ein Meisterklassenstipendium des Freistaates Sachsen, den Förderpreis des Sächsischen Musikbundes, Arbeitsstipendien der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und des Berliner Senats sowie Aufenthaltsstipendien für das Künstlerhaus Stein am Rhein, die "Cité Internationale des Arts“ Paris, das Deutsche Studienzentrum Venedig und den Künstlerhof Schreyahn. Schweitzer lebt als freischaffender Komponist in Berlin.

Tobias E. Schick
Flechtwerk (2017)
für Kontrabassklarinette und Akkordeon

Flechtwerk ist das dritte Stück eines vierteiligen Zyklus, der den Titel Rote Fäden tragen soll. Alle vier Stücke, die auch separat aufgeführt werden können, verweisen strukturell wie klanglich aufeinander, ohne jedoch streng aus einem gemeinsamen strukturellen Kern hervorzugehen. Viel eher ist die Beziehung eine assoziative, die es erlaubt, sich durch die Wiederkehr von ähnlich gearteten Mustern – etwa klangfarblich variierte Liegeklänge, pausendurchsetzte Repetitionen oder wellenförmige Bewegungsgesten – an Früheres zurückzuerinnern. Im Zentrum der unterschiedlichen kammermusikalischen Formationen steht das Akkordeon, das in allen vier Stücken besetzt ist. Ein wichtiger Aspekt von Flechtwerk besteht darin, die Idiomatik des ungewöhnlichen und spektakulären Instruments Kontrabassklarinette bewusst zu reflektieren. Dies kann auf verschiedene Weise geschehen: durch gezielte Verweigerung des typischen Kontrabassklarinettenklangs, durch verhaltene Annäherung oder – wie am Schluss – durch offensichtliche Andeutung, die aber nicht eingelöst wird, sondern eine Spur ist, die im Sand verläuft.
Tobias Eduard Schick (*1985) studierte Komposition in Dresden und Rom, u.a. bei Mark Andre, Ernst Helmuth Flammer und Manos Tsangaris. Seine Kompositionen wurden vielfach in Deutschland, im europäischen Ausland, in Kanada sowie in Japan aufgeführt und u.a. von Deutschlandradio Kultur und WDR 3 gesendet. Im Jahr 2017 wurde er mit einer Arbeit über Weltbezüge in der Musik Mathias Spahlingers promoviert. Er erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, zuletzt den Kompositionspreis des Plural Ensemble, Madrid sowie ein Arbeitsstipendium der Kulturstiftung des Freistaats Sachsen. Texte über die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts sowie über ästhetische Fragestellungen wurden u.a. in Publikationsreihen und Zeitschriften wie Musik-Konzepte, Musik & Ästhetik oder Positionen veröffentlicht. Er arbeitet als freischaffender Komponist und unterrichtet Musikwissenschaft und Analyse an der an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden.

Ernst Helmuth Flammer
ECasPISanKuDraRa (1993/94)
für Akkordeon solo

Das Werk entstand im Auftrag des Spaziomusica Sardegna in Cagliari. Der Titel ist ein Kunstwort, es setzt sich aus den ineinandergeschobenen Worten Epikura und Cassandra  zusammen. Epikura meint die Skepiikerin, die zur Zaghaftigkeit und Verzagtheit  neigende Bedenkenträgerin, sicherlich angesichts der Düsternis der allgemeinen Lage eine aktuelle Figur. Cassandra meint noch mehr: jene Figur, die auf alles und jenes, was an Neuem von außen auf sie zukommt, zunächst aus Prinzip mit einer lautstark artikulierten Ablehnung reagiert (Cassandra-Ruft}. Cassandra ist das Prinzip "Negation" und das Prinzip "Ablehnung". Vorsicht und Verzagtheit mögen Sicherheit einflößen. Sie nehmen aber auch Kreativität und Tatkraft und damit das Prinzip Hoffnung, durch Handeln Gutes zu bewirken, was zuweilen mit Risiken behaftet ist. Bei Cassandra scheint, dass die Bedenken erst erfunden werden müssen, um dem Bedenkenträger Stoff zu liefern, und so seine Verzagtheit im Nachhinein zu bestätigen. Epikura ist das geistige und onthologisch begründete Korrelat zu Cassandra. Von beidem handelt das Stück. Der lange Atem, der konzeptionell beide Werkteile des Stücks durchzieht, der EntWicklung widerspiegelt, etwa vom Dunkel zum Licht, langsam,
vorsichtig, eben Epikura gemäß, wird zunehmend durch schnell laufende.fast geschwätzig anmutende Passagen (dies gehört zum Cassandra-Topos) unterbrochen, durchbrochen und gestört. Am Schluss scheint dieser musikalische Gestus alles Andere zu überdecken, doch das Dunkel-Skeptische der Epikura bleibt als ruhiger Gestus neben jenem ebenso ruhigen Hellen des Lichts. Letzterer hat sich erst allmählich aus der Entwicklung ergeben. Nicht soviel musikalische Entwicklung beschreiben die Cassandrarufe, Rufe um der Bedenken selbst willen. Sie drehen sich quasi um sich selbst und sind trotz der raschen Bewegung der Läufe das statische Element im Stück. Dass alle drei musikalischen Gesten am Schluss beider Abschnitte gleichrangig nebeneinander stehen, besagt nicht mehr und nicht weniger, als das, dass Musik nicht imstande ist, im semiotischen Sinne als Sprachersatz das Sujet zu einem "Ergebnis" zuführen. Sie kann es
nur mit ihren ureigenen Mitteln diskutieren. Dem ist der Versuch mit ECasPiSanKuDraRa gewidmet. Und natürlich dem vorzüglichen Musiker Theodore Anzellotti.

Ernst Helmuth Flammer wurde am 1949 in Heilbronn geboren.Nach einem Studium der Mathematik und Physik in den Jahren 1969-1972 wandte er sich zunächst der Musikwissenschaft mit den Nebenfächern Kunstgeschichte und Philosophie zu, wenig später schloss sich ein Musikstudium an. Von 1973-79 studierte er Kontrapunkt und Musiktheorie bei Peter Förtig und von 1972-1980 Musikwissenschaft bei Hans Heinrich Eggebrecht in Freiburg, wo er mit einer Dissertation zum Thema Politisch engagierte Musik als kompositorisches Problem, dargestellt am Beispiel von Luigi Nono und Hans Werner Henze promovierte. Seit 1976 studierte er zudem Komposition bei Klaus Huber und Brian Ferneyhough, zwischenzeitlich auch bei Paul-Heinz Dittrich. Seit 1977 publizierte er in mehreren Fachzeitschriften zu Themen der Neuen Musik und ästhetischen Fragestellungen. 1980-81 hatte er einen Lehrauftrag für Musiktheorie, Kontrapunkt und musikalische Formenlehre und -analyse an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen, 1982 bis 1985 einen an der Universität Freiburg. Seit 1980 ist Flammer freischaffend tätig, seit 1985 übt er eine umfangreiche Lehrtätigkeit als Gastdozent u.a. an der University of Newcastle, in Dresden, Gera, Odessa, Paris, St. Petersburg, am Mozarteum Salzburg und regelmäßig bei den Darmstädter Ferienkursen aus. Hinzu kommen regelmäßige Gastvorträge und Rundfunksendungen. 1985-87 hatte er einen Beratervertrag mit der Stadt Mönchengladbach als künstlerischer Leiter des dortigen Festivals .Ensemblia", 1985-90 betreute er das von ihm mit aufgebaute "ensemble recherche freiburg", welches sich vorwiegend der Interpretation Neuer Musik widmet. 1993 begründete er das Internationale Pianoforum ". .. antasten ... " in Heilbronn, ein weltweit einmaliges Festival für zeitgenössische Klaviermusik, das bis 2003 im Zweijahreszyklus stattfand. Ernst Helmuth Flammer erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen aus Baden-Baden, Dresden, Freiburg, Hannover, Paris, Parma, Rom und Stuttgart. Er erhielt zahlreiche Kompositionsaufträge im In- und Ausland. Seine Werke wurden auf zahlreichen Festivals uraufgeführt und an allen inländischen und zahlreichen ausländischen Rundfunkanstalten produziert. 1994 erschien eine Portrait-CD bei WERGO, 2005 erschien die Weltersteinspielung des umfangreichen Orgelzyklus superverso mit Christoph Maria Moosmann auf dem Label ORGANUM CLASSICS. Von 2003 bis 2012 war Ernst Helmuth Flammer Lehrer für Komposition und Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik "Carl Maria von Weber" in Dresden.

Art-Oliver Simon
Schichtwechsel 6 Stücke (2016)
für Kontrabassklarinette und Akkordeon

Arbeitshypothesen zu Schichtwechsel:
Gleiches wird ungleich, Harmonisches entzweit, in seine Bestandteile zerlegt.
Rhythmisch-Einheitliches kontrapunktisch aufgeraut.
Unmögliches wird möglich: Einander prinzipiell Unverträgliches durch
Schichtwechsel/Umschichtung zusammengeführt, zeitlich Fernes in unmittelbare Nahe geruckt, einmal eingeführte Fremdkörper zunehmend vertraut. Stockendes zu Atem und Fliesendes erratisch.
Was oben war, wird unten und vice versa (ganz wie im richtigen Leben): Wechsel der Ebenen, Zeiten, Perspektiven. Gleiches in neuem Gewand. Kunstmusikalisches banal und primitiv. Volkstümliches, Verrohtes zu hoher Kunst.
Schichtwechsel ist dem Duo Wettin-Stock gewidmet

Art-Oliver Simon (*13. Dezember 1966 in Hamburg) 1993 Abschluss des Studiums an der Hochschule der Künste Berlin (heute UdK) in den Fächern Komposition, Dirigieren und Klavier in den Klassen von F.M. Beyer und Witold Szalonek ab. Im gleichen Jahr Kompositionspreis der Stadt Berlin und 1994 Boris-Blacher-Kompositionspreis. 2007 Arbeitsstipendium am Herrenhaus Edenkoben und 2009 Arbeits-stipendium der Stiftung kunstraum sylt:quelle. Von 1993 bis 1994 belegte er am Institut de Recherche et Coordination Acoustique/ Musique (IRCAM) in Paris den cursus annuel de composition. Seit 1995 lebt und arbeitet er wieder in Berlin und ist seit 2010 für das Composers´ program und die Reihe Hören und Lernen des Simon Verlag-BW verantwortlich. 2013 gründete er das Art Ensemble Berlin, das in seiner Besetzung Flöte, Kontrabass, Klavier bisher ohne Vergleich ist. Viele seiner Kompositionen wurden bisher bei großen internationalen Festivals uraufgeführt: rendez-vous musique nouvelle Forbach (2002),Musikfestival Usedom (2004), Konzertreihe white islands Stuttgart (2011/2015), Berliner Herbstmusik (2005/2006/ 2008), SOUNDWAYS St. Petersburg (2009), Westival Stettin
(2009), Pro musica nova Bremen (2012, 2014), Festival Hindemith Avellino (2013),OaarWurm Berlin (2015/2016/2017), Kontraste Lüchow- Dannenberg (2015/2016),Zepernicker Randspiele (2016).
Eine am Rundfunkhaus Masurenallee als Koproduktion zwischen dem rbb und dem Label edition zeitklang aufgenommene CD mit einigen seiner Solo-Werke für Klavier und Gitarre (Interpreten: Jonas Olsson – Klavier; Rurgen Ruck-Gitarre) erschien zum Jahresende 2016.
Helmut Oehring
Gestopfte Leere (1991)
für Akkordeon solo

Helmut Oehring wurde 1961 in Ost-Berlin geboren. Als Gitarrist und Komponist Autodidakt, war er zwischen 1992 und 1994 Meisterschüler von Georg Katzer an der Akademie der Künste zu Berlin. 1994/95 Stipendiat an der Villa Massimo in Rom, erhielt er seitdem Auszeichnungen wie den Hindemith-Preis (1997) und den Arnold-Schonberg-Preis (2008) fur sein gesamtes Schaffen, das heute über 350 Werke nahezu aller Genres umfasst. Seine Kompositionen und Produktionen werden in Konzertsälen, auf Buhnen und Festivals weltweit aufgeführt. 2011 veröffentlichte btb/Randomhouse seine Autobiografie Mit anderen Augen. Vom Kind gehörloser Eltern zum Komponisten, die 2015 in seiner Regie als Hörspiel vom SWR produziert wurde. Er ist Jury-Mitglied des Karl-Sczuka-Preises fur internationale Hörspielkunst des SWR und Juror des Deutschen
Musikautorenpreises 2018 in der Kategorie „Experiment Stimme“ sowie Mitglied der Akademie der Kunste Berlin und der Sächsischen Akademie der Künste. 2015 erhielt Helmut Oehring den Deutschen Musikautorenpreis in der Kategorie Musiktheater. Aktuelle Werke sind u.a. das Melodram Massaker, hört ihr, MASSAKER! (an: Recep Tayyip Erdogan) (UA November 2015 Radialsystem Berlin mit den Dresdener Sinfonikern zum 100. Jahrestag des AGHET/Genozids an den Armeniern), die Kammeroper AGOTA?
Die Analphabetin (Gestern/Irgendwo) mit Dagmar Manzel und dem Ensemble Modern (UA Mai 2016 Staatstheater Wiesbaden). Aktuell komponiert und inszeniert Helmut Oehring das szenische Konzert FinsterHERZ oder Orfeo17 auf Monteverdis L’Orfeo und Conrads Heart of Darkness mit der Kammerakademie Potsdam und gehörlosen Gefluchteten (UA Oktober 2017 ARENA Potsdam) sowie das instrumentalvokale Theater KUNST MUSS (zu weit gehen) oder DER ENGEL SCHWIEG zum 100. Geburtstag Heinrich Bolls als Auftragswerk der Oper Köln, der Stadt Köln und des Ensemble Musikfabrik (UA Dezember 2017 Oper Köln). Der Schwerpunkt von Helmut Oehrings Schaffen in enger Zusammenarbeit mit seinem künstlerischen Team, Librettistin/Dramaturgin/Regisseurin Stefanie Wördemann und Klangregisseur und Sounddesigner Torsten Ottersberg, liegt in der Komposition und musikalisch-szenischen Realisation von Werken im Bereich Oper, Musiktheater und szenisches Konzert, in denen er die Idee eines vokalinstrumentalen Theaters verfolgt, das innerhalb der Neukomposition Einflüsse alter und älterer Musik, von Literatur, bildender Kunst und Philosophie aufgreift und unter Einbeziehung sowohl von Elektronischen Medien sowie grenzüberschreitender Künste wie Gebärdensprache, Tanz, Schauspiel, konzipierte/ improvisierte Musik, Hörspielkunst, Film und Bildende Kunst, in enger Zusammenarbeit mit Instrumental- und Vokal-Solisten ein vielschichtiges und in ständiger Weiterentwicklung befindliches Musiktheater kreiert, das poetische Inhalte und Formen mit dokumentarischen, an der aktuellen Realität orientierten verbindet. Zudem schreibt Helmut Oehring literarische Texte, die integraler Bestandteil seines Musiktheaterschaffens sind.

Michael Quell
energeia aphanés II (2018)
für Kontrabassklarinette und Akkordeon

Energeia aphanés ist als ein größerer Werkzyklus aus mehreren voneinander völlig unabhängigen Werken unterschiedlichster Besetzung konzipiert, die sich auf jeweils sehr verschiedene Art und Weise mit Aspekten der astrophysikalischen Hypothese Dunkler Energie auseinandersetzen bzw. diese zum Ausgangspunkt der jeweiligen Komposition machen.
Dunkle Energie dient in der Astrophysik als hypothetischer Erklärungsversuch der beobachteten zunehmenden Ausbreitungsgeschwindigkeit des Universums, die ansonsten in deutlichem Widerspruch zu den anderen bekannten Größen steht. Diese Energie konnte bisher nicht nachgewiesen werden, sie selbst entzieht sich jeglicher Beobachtung, bestimmt jedoch ebenso wie dunkle Materie ganz wesentlich die raumzeitliche Struktur des Universums. In der Komposition wird diese Vorstellung gleichsam zum Sinnbild einer musikalisch ästhetischen Welt, deren eigentliche Steuerungsprinzipien konsequent im Verborgenen bleiben, deren Resultate jedoch die Erfahrungswelt bestimmen. Raum, Zeit und die Vorstellung von Zeit-Auflösung, wenn man so will von der Ahnung einer Art Metazeitlichkeit spielen dabei eine zentrale Rolle. Dabei lässt der Werktitel energeia aphanés im Sinne einer nicht sichtbaren, unbekannten, sich nicht zeigenden Energie über seine physikalischen Implikationen hinaus auch eine gewisse Neigung zur griechischen Philosophie erkennen.
Während energeia aphanés I für Flöte, Klarinette, Violoncello und Schlagzeug als zentrales Merkmal u.a. einen subtil gestalteten Prozess einer formal-strukturellen Auflösung und damit einhergehend eine Art komponierte Zeitauflösung thematisiert, geht energeia aphanés II für Kontrabassklarinette (im Wechsel mit Bassklarinette) und Akkordeon einen völlig anderen Weg. Hier wird zunächst ein Horizont scheinbar maximaler Weite eröffnet (u.a. auch in Gestalt eines extrem weiten Tonhöhenbereichs vom Akkordeon im 1-Fuß-Register zu den tiefsten Lagen der CbCl), der jedoch zunehmend immer wieder völlig unerwartete Wendungen nimmt, gleichsam in zunächst abenteuerlich anmutende, bisweilen völlig verwinkelte Strukturen mündend, die sich dann aber aus der Perspektive des Nachhinein als eine ganz und gar neue, unerwartete Geometrie des Ereignisraums erweisen. Dabei macht sich das Werk die charakteristischen Eigenheiten dieser, sehr speziellen Instrumentenkombination konstruktiv kompositorisch zunutze.
Als weiteres zukünftiges Werk innerhalb dieses Zyklus ist energeia aphanés III für vier mikrotonale Gitarren und Kammerensemble geplant, das im Herbst 2017 in Istanbul uraufgeführt werden soll. Michael Quell

Michael Quell, geb. 1960, studierte 1981-85 an der Musikhochschule Frankfurt (klassische Gitarre bei Heinz Teuchert, Dirigieren, Tonsatz und Kontrapunkt, Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Komposition) sowie Philosophie und Theologie an der J. W. Goethe-Universität. Zugleich studierte er Komposition bei Hans-Ulrich Engelmann und 1985-89 in der Meisterklasse bei Rolf Riehm. Weitere Studien u.a. bei Izhak Sadaj (Paris, Tel Aviv). Michael Quell lebt als Komponist in Fulda und übt diverse Lehrtätigkeiten aus, Musikpädagoge, seit 2007 Dozent für Musiktheorie, Analyse und Ästhetik am musikwissenschaftlichen Institut der J. W. Goethe-Universität Frankfurt. Er wirkt als Gastdozent an verschiedenen Hochschulen und Universitäten ( Innsbruck, Würzburg, Pavia, Kiew, New York etc.).
Quell erhielt zahlreiche Kompositionsaufträge und verschiedene Kompositionspreise (u.a. Kunstpreis 1989 Frankfurt, Toyoko Yamashita Kompositionspreis Berlin 1989, Auswahl zur UA beim Gaudeamus Kompositionswettbewerb 1988, Amsterdam, Elisabeth-Schneider-Kompositionspreis 2003, Auswahl zur Aufführung beim FIFA-Kulturprojekt „Globusklänge“ im Rahmen der Fußball-WM 2006, Barlow Commissioning Award 2011, USA , Kompositionspreis der Bowling Green State University 2013, USA etc.).
Seine Werke wurden bei internationalen Festivals aufgeführt wie z.B. S.E.M.A. Paris, Festival de musique Montreux/Vevey, Gaudeamus Musikwoche Amsterdam, Darmstädter Ferienkurse, Witten, Perth, Los Angeles Chamber Music America Festival, Internationales Pianoforum antasten , Heilbronn, ZeitRäume Basel, Slowind Festival Ljubljana, SoundScape Festival Pavia und Maccagno, Festival `the cutting edge`, New York City , CMS Boston Massachusetts, Músicaviva Festival Cuenca, Ecuador, Entrecuerdas Festival Santiago, Chile, Sound Ways Festival Sankt Petersburg, Festival Two Days and Two Nights of New Music, Odessa, Festival of Macedonian Music, Skopje, Lee Sang Guen Festival, Jinju, Korea etc. sowie in renommierten Konzertreihen z.B. in Berlin, Winterthur, London, Montréal, Melbourne, Wien, Hiroshima, Tokyo, Chengdu und Changsha, China, Rosario, Santa Fe u. La Plata, Argentinien, Montevideo, Uruguay etc.
Quells Kompositionen wurden inzwischen von fast allen deutschen und zahlreichen europäischen, kanadischen, amerikanischen und australischen Rundfunkanstalten gesendet.
Einen der Arbeitsschwerpunkte M. Quells stellt die Beschäftigung mit den Chancen und Möglichkeiten der Komposition im interdisziplinären Dialog dar. Veröffentlichungen im TONOS-Musikverlag, Baden Baden, CD-Aufnahmen (NEOS: Portrait-CD, Bayer, Dabringhaus etc.) sowie musikwissenschaftliche Publikationen im Lit- und Wolke Verlag.

Gérard Grisey
Anubis et Nout (1983-1990)
für Kontrabassklarinette solo

Anubis: In der ägyptischen Mythologie ist er der schakalsköpfige Totengott, der über die Welt der Schatten wacht. Er leitet die Seelen der Toten zum Gericht. Als Erfinder des Einbalsamierens mumifizierte er den Körper von Osiris und wird oftmals mit Hermes aus der griechischen Mythologie verglichen. Nout: der lange, blaue und mit Sternen bestückte Körper einer nackten Frau deren Füße nach Osten und deren Arme nach Westen zeigen. Sie ist der Baldachin des Himmels, eine ägyptische Nacht und zugleich Mutter der Sonne. Sie kann manchmal in Sarkophagen gefunden werden, wo sie die mumifizierten Körper beschützt. Das musikalische Material beider Seiten verwendet das harmonische Spektrum, in Umkehrung (Anubis) und einfach (Nout), sowie die Transformation vom Vorhersehbaren zum Unvorhersehbaren und umgekehrt. Die Form der Komposition beruht auf der Polyphonie dieser Materialien und Parameter: In Bewegung gesetzt, ruft es verschiedene Widersprüche hervor. Die melodischen und rhythmischen Einschübe führen einen Dialog auf zwei Ebenen: makrophonisch (Melodien mit nicht-harmonischen Tönen) und mikrophonisch (resonierende Melodien innerhalb des Instrumentalspektrums).
Gerard Grisey wurde 1946 in Belfort geboren und starb 1998 in Paris. Er studierte ab 1963 an der Musikhochschule Trossingen, belegte einen Kompositionskursbei Olivier Messiaen und setzte seine Studien von 1968 bis 1972 am Pariser Conservatoire fort. Daneben besuchte er Kurse bei Henri Dutilleux, György Ligeti, Karlheinz Stockhausen und Iannis Xenakis. Schnell wurde er zur Hauptfigur (und zu einem wesentlichen Ideengeber) des französischen Spektralismus, dem die intensive Erkundung von Obertonspektren instrumentaler und konkreter Klänge zugrunde liegt. Die Musik von Grisey ist jenseits dieses kompositionstechnischen Aspekts stets von einer mythologischen Tiefe des Ausdrucks bestimmt und von bezwingender Intensität existenziellen Suchens gekennzeichnet. Hierin steht sie singulär nicht nur im französischen, sondern im gesamten zeitgenössischen Umfeld.
Helmut Oehring
Come not near (neue Version 2017)
für Kontrabassklarinette/voc und Akkordeon/voc

You spotted snakes with double tongue,
Thorny hedgehogs, be not seen;
Newts and blindworms, do to wrong;
Come not near our Fairy ...

William Shakespeare, A Midsummernight’s Dream
Nur was nicht ist, ist möglich!
Shakespeares Werk ist ein Schrei. Immer wieder.
Er bewegt und zerreist den Vorhang, der uns von der Wahrheit trennt –
von der ≫Unwirklichkeit der Realität und der Verheisung, dass der Felsen der Welt auf dem Flugel einer Elfe gegründet ist≪ (Scott Fitzgerald). Musik ist ein solcher Schrei. Die Verse Shakespeares sind ein solcher Schrei. Klang entstehender Stille und Stummheit. Erstummung. Erschwiegenes Bild. Sonnenfinsternis. Ein Dröhnen.



Das Duo Stock/Wettin gründete sich 2014 aus dem in Dresden ansässigen „Ensemble Courage“ heraus und besteht aus der Akkordeonistin Susanne Stock und dem Klarinettisten Georg Wettin. Beide Mitglieder dieses Ensembles für Zeitgenössische Musik beschäftigen sich intensiv mit Neuer und Neuester Musik und sind sehr erfahrene und versierte Instrumentalisten auf diesem Gebiet. Beide blicken auf eine Reihe von Uraufführungen zurück, die die intensive Zusammenarbeit mit hochrangigen Komponisten wie beispielsweise Helmut Lachenmann, Mark Andre, Helmut Oehring, Benjamin Schweitzer, Sarah Nemtsov, Samir Odeh-Tamimi, Oliver Schneller, Sidney Corbett und vielen anderen dokumentiert.
Ihre Zusammenarbeit gründete sich auf die Auseinandersetzung mit dem musikalischen Werk Lyonel Feiningers, dessen Orgelfugen sie für ihre Instrumente adaptierten und in zahlreichen Konzerten, zusammen mit Musik von Busoni, Schönberg und Satie präsentierten. So spielten sie beispielsweise in den Dessauer Meisterhäusern (Feiningers Wohnhaus in Dessau) im Rahmen des Kurt-Weill-Festes 2015, in der Feininger-Galerie Quedlinburg, in verschiedenen Kirchen entlang der Ostseeküste, die Feininger einst malte usw.
Aus dieser intensiven Beschäftigung heraus entstand eine CD mit fünf der Fugen, die im Juli 2017 erschien.
Darüber hinaus ist dem Duo Stock/Wettin die Arbeit an neuem Repertoire für ihre Besetzung sehr wichtig. In der außergewöhnlichen Besetzung Kontrabassklarinette-Akkordeon konnten sie namhafte Komponisten gewinnen, Stücke zu schreiben, die das Duo uraufführte bzw. in Zukunft uraufführen wird, so zum Beispiel Annette Schlünz, Benjamin Schweitzer, Oliver Schneller oder Michael Quell. In 2018 ist ein Konzertprojekt mit Lichtperformance geplant, dass das feiningersche Fugenschaffen durch neu komponierte Werke ins Heute holt und somit das Interesse der Musiker an Neuester Musik und ihrer Verankerung in der Gesellschaft - auch in Verbindung mit anderen Kunstsparten - widerspiegelt und konsequent fortführt.
Georg Wettin wurde 1980 in Dresden geboren. Nachdem er sein Abitur an der Dresdner Spezialschule für Musik absolvierte, begann er 2000 mit dem Studium im Fach Klarinette an der HfM “Carl Maria von Weber”, wo er 2009, mit den Abschlüssen Diplom(2005), Konzertexamen(2007) und Meisterklasse(2009) bei Prof.J.Oehl, Prof.J.Klemm, Wolfram Große und Fabian Dirr, dieses mit Auszeichnung beendet. In dieser Zeit konnte er einige Preise und diverse Stipendien (u.a. Lionsclubwettbewerb, Landesstipendium Sachsen, Stipendium der Stadt Dresden) erlangen und sammelte Orchestererfahrung als Substitut der Dresdner Philharmonie und später als regelmässige Aushilfe bei verschiedenen Orchestern. Erfolgreiche solistische Auftritte mit Orchestern und umjubelte Konzerte zusammen mit der Sängerin Edita Gruberova und der Flötistin Carin Levine runden das Bild ab.
Seit Beendigung seines Studiums ist er als freischaffender Musiker, vor allem im Bereich der zeitgenössischen Musik und Kammermusik, bei den meisten großen Festivals in Deutschland und Europa unterwegs und immer wieder bei allen deutschen Rundfunkanstalten zu hören. Als Mitglied von „courage - Dresdner Ensemble fur zeitgenössische Musik“ spielte Georg Wettin in den letzten Jahren einige CDs ein und brachte eigens für ihn komponierteWerke für Klarinette solo zur Uraufführung.

Susanne Stock, geboren 1980 in Dessau, erhielt ihre Ausbildung am Musikgymnasium "Schloss Belvedere" in Weimar bei Prof. Claudia Buder, an der Hochschule für Musik „Franz Liszt" Weimar bei Prof. Ivan Koval und an der HfK Bremen bei Margit Kern. Sie besuchte Meisterkurse bei Stefan Hussong, Hugo Noth, Mikko Luoma, Mie Miki u.a.
Susanne Stock unterrichtet seit 2005 an verschiedenen Musikschulen in Berlin, Brandenburg und Thüringen. Seit 2011 hat sie eine Dozentur an der Universität Potsdam.
Als Akkordeonistin ist sie solistisch und kammermusikalisch tätig. Sie ist Mitglied des in Dresden beheimateten „Ensemble Courage“. Als Gast wirkte sie u.a. an Konzerten des Ensemble united Berlin, Ensemble l´Art Pour l´Art, Ensemble Experimente oder der Internationalen Ensemble Modern Akademie mit.
In intensiver Zusammenarbeit mit Komponisten wie Helmut Oehring, Annette Schlünz, Benjamin Schweitzer, Samir Odeh-Tamimi oder Ali Gorji entstanden sowohl solistische als auch kammermusikalische Werke, die von ihr uraufgeführt wurden.
Seit 2014 beschäftigt sie sich mit der Musik am Bauhaus, vor allem mit dem musikalischen Schaffen Lyonel Feiningers. Im Sommer 2017 erschien eine CD mit 5 seiner Fugen, adaptiert für Akkordeon und Baßklarinette.
Aktuell arbeitet sie mit der Oboistin Antje Thierbach an Werken, die Alte und Neue Musik, historische und moderne Instrumente zusammenführen, sowie mit dem Klarinettisten Georg Wettin an einem Programm mit neuen Werken für Kontrabassklarinette und Akkordeon.
Mit der Schauspielerin Elisabeth Richter-Kubbutat arbeitet sie regelmäßig zusammen in der Reihe „Literatur und Konzert“.

 
Bleiben sie uns treu!
Auch im Frühling.
Mit herzlichen Grüßen,
Ihre Martin Daske und Rainer Rubbert





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Alle Veranstaltungen finden im BKA-Theater, Mehringdamm 34, 10961 Berlin, statt. Telefon: 030 - 20 22 007
Eintritt: 13,- / 9,- €
Zehnerkarte: 80,- / 60,- € (übertragbar)


 
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